Keiner hat diese Farben wie ich

STUDIEN ZUR MALTECHNIK ERNST LUDWIG KIRCHNERS

Seit August 2009 widmen sich Kunsttechnologen, Restauratoren, Naturwissenschaftler und Kunsthistoriker in einem vom Bundesministerium für Forschung und Bildung geförderten Forschungsverbund der Maltechnik und der Malweise Ernst Ludwig Kirchners (1880-1938).

Gemäß der Methodik der historischen Kunsttechnologie bedient sich die Forschergruppe schriftlicher Quellen sowie technologischer, bildgebender und materialanalytischer Untersuchungen: Ausgewertet werden zum einen Skizzenbücher und Briefe, in denen Kirchner sich zu seinen künstlerischen Absichten, Techniken und Materialien äußert. Zum anderen werden ausgewählte Werke des Künstlers aus dem Bestand des Kirchner Museum Davos und der Pinakothek der Moderne in München mit Hilfe modernster naturwissenschaftlicher Methoden untersucht. Die Auswahl umfasst Gemälde aus allen Schaffensjahren: Neben den malerischen Anfängen, den Brücke-Jahren in Dresden und den Berliner Großstadtmotiven auch die farbintensiven Landschaftsbilder seiner Wahlheimat in Davos sowie die farbflächenbetonte Malerei des Spätwerks. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den von Kirchner restaurierten und in den Davoser Jahren im Neuen Stil überarbeiteten Werken. Ferner sind die vielfach farbig gefassten originalen Rahmen Kirchners Gegenstand der Untersuchung.

Ziel der Forschung ist es, weitreichende neue Erkenntnisse zur Entstehung und beabsichtigten Wirkung von Kirchners Malerei zu gewinnen und zu vermitteln. In direkter Verbindung mit der Atelierpraxis Ernst Ludwig Kirchners stehen dabei Fragen nach der Rolle von Maltechnik und neuen Künstlermaterialien am Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Projekt will die Rezeption der Avantgarde um den Aspekt der Materialität erweitern und reflektieren, welche Bedeutung diese für die Künstler der Moderne hat. Für den Deutschen Expressionismus werden damit erstmals kunsttechnologische Grundlagen systematisch erforscht und auch ein Beitrag zur Materialgeschichte am Beginn des 20. Jahrhunderts geleistet. Dadurch können auch Fragen nach der Authentizität der Werke zuverlässiger beantwortet werden. Zugleich mündet die nähere Kenntnis von materieller Beschaffenheit und Künstlerintention in innovatives Handlungswissen für die Konservierung und Restaurierung.

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Im Bemühen um eine Revolution des künstlerischen Ausdrucks vollzieht sich bei den Deutschen Expressionisten eine radikale Änderung der Malweise, die mit einem innovativen Einsatz traditioneller Techniken einhergeht. Gerade Ernst Ludwig Kirchner experimentiert im Prozess seines Kunstschaffens und gibt darauf in seinen Briefen, Schriften und Skizzenbüchern sowie in seinem Tagebuch zahlreiche Hinweise.

Die Materialität von Malerei, die angewandten Techniken, der Werkprozess selbst, das gezielt eingesetzte Material sowie die Intention in Bezug auf Bildoberfläche oder auf Farbkontraste waren in der Vergangenheit nur ansatzweise Gegenstand der Forschung zur Klassischen Moderne, obgleich neben Bildthema und Komposition die Maltechnik und Malweise die Wirkung der Bilder maßgeblich bestimmen. Diese Lücke in der kunstwissenschaftlichen Forschung will das interdisziplinäre Projekt nun am Beispiel Ernst Ludwig Kirchners schließen, indem es sich kunsttechnologischer Methoden bedient: Dabei stehen eine materialwissenschaftlich fundierte Bewertung literarischer Quellen, die technologische Untersuchung der Werke (Aufbau, Farbauftrag, Materialverwendung), bildgebende Untersuchungsverfahren (Infrarotreflektographie und Röntgen) und Materialanalytik im Vordergrund.
Der Forschungsansatz geht dabei der Frage nach, welche Bedeutung die maltechnischen und farbtheoretischen Methoden Kirchners für den bildnerischen Ausdruck des Künstlers haben. Anders formuliert: In welcher Relation zueinander stehen die vermeintlich spontane, unmittelbar ausdrucksstarke Malerei und die nachweislich experimentelle, vielfach differenzierte Maltechnik des Künstlers? Entsprechen die inhaltlichen Neuansätze, die unterschiedliche Sicht des Künstlers auf die Welt auch jeweils neu entwickelten bildnerischen Methoden? Inwieweit unterscheidet sich etwa die Technik der frühen, expressiven, scheinbar sonnendurchfluteten Brücke-Werke von denjenigen der Berliner Zeit, die wirken, als seien sie in künstlichem Licht entstanden?

Diesen und vielen weiteren Überlegungen gehen die vier renommierten Forschungsinstitutionen in Stuttgart, München, Davos und Zürich gemeinsam nach. Das Zentrum des von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart initiierten Projektes bildet das Kirchner Museum Davos als Forschungsort mit seinem umfangreichen Bestand an Gemälden, Skizzenbüchern, Realia und Dokumenten. Die große Zahl an vornehmlich frühen Bildern des Künstlers in der Pinakothek der Moderne der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München ergänzt diese in idealer Weise. Darüber hinaus erlaubten zahlreiche Museen, u.a. die Staatsgalerie Stuttgart, das Städel Museum, Frankfurt am Main und die Neue Nationalgalerie, Berlin den Zugang zu ihren reichen Kirchner-Beständen. In ein Kompendium an Infrarotaufnahmen, das den Werkprozess des Künstlers veranschaulicht, konnten auch Gemälde aus dem Museo Thyssen-Bornemiza Madrid, der Neuen Galerie, New York, der National Gallery of Art, Washington D. C. und dem Nachlass Ernst Ludwig Kirchner in Wichtrach / Bern sowie vielen weiteren Sammlungen aufgenommen werden.

Die materialanalytischen Untersuchungen werden vom Institut für Technologie der Malerei, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, und dem Doerner Institut München mit Hilfe modernster Untersuchungsmethoden durchgeführt. Umfangreiche Datenbanken zu historischen Künstlermaterialien ermöglichen, die Ergebnisse in den Kontext der Entwicklung der europäischen Maltechnik zu stellen. Für ergänzende Untersuchungen zu Bindemitteln und Schadensphänomenen konnte das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft in Zürich gewonnen werden. Die Forschungskooperation knüpft hier in idealer Weise am Focus Projekt Kunsttechnologie. Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts an.

Durchführende

Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
Heide Skowranek (Projektkoordinatorin)
Prof. Dr. Christoph Krekel
Prof. Volker Schaible

Kirchner Museum Davos
Dr. Karin Schick

Doerner Institut, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München
Dr. Patrik Dietemann
PD Dr. Heike Stege

Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich
Karoline Beltinger
Dr. Ester Ferreira